Volkstrauertag

Rüscheid, den 15.11.2020

Liebe Rüscheiderinnen und Rüscheider!

 

1920, wurde der Volkstrauertag eingeführt, als Gedenktag für die Kriegstoten des ersten Weltkrieges.

Ich greife gerne die Worte von Paul Löbe auf, der es so formulierte: "Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Toten zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet die Abkehr vom Hass, bedeutet die Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat Liebe not."(Reichstagspräsident Paul Löbe während der Gedenkveranstaltung im Reichstag am Volkstrauertag 1922)

Notgedrungen und um uns in dieser Zeit, geprägt durch das Virus Covid 19, gegenseitig zu schützen, dürfen wir uns nicht zusammen am Gedenkstein treffen. 
In der Tradition des Gedenkens, haben wir als Ortsgemeinde Rüscheid und der Ortsvereine einen Kranz am Gedenkstein niedergelegt.
Dort gedenken wir aller Gefallenen Soldaten, Männer und Frauen, die ihr Leben in den Kriegen gelassen haben und heute auch noch lassen.

Diese Tradition zeigt, wie sehr die Schreckensbilder der Weltkriege uns nah gehen.
Leider stehen in vielen Köpfen die Zeichen immer noch auf Krieg, Unmenschlichkeit und Terror. Wie unlängst die feigen Attentate in Frankreich, Österreich und im eigenen Land zeigten.

Der Grund ist immer derselbe:
Durchsetzung des eigenen Willens mit Gewalt.
Nutzung von Angst statt Argumenten.
Ersatz der Ehrfurcht vor dem Leben - durch die Anbetung einer Ideologie.
Tote statt Toleranz. 

Erlauben Sie es mir, eine Erinnerungsgeschichte unserer verstorbenen Mitbürgerin Irene Gärtner, noch einmal aufleben zu lassen.

"Ich bin 1934 geboren, also fand meine Schulzeit zum Teil im Krieg statt.
Heute kann sich das kein Kind mehr vorstellen wie das damals war.
Es gab noch keine Limonade oder Cola, also nahmen wir uns Himbeersaft – aus eigener Herstellung – von zu Hause mit. Wurst gab es auch keine, es sei denn man hatte ein Schwein, welches dann zu Weihnachten geschlachtet wurde.

Zu unserer großen Freude hatten wir Kinder jedes ein Schulbeet im Schulgarten. Wir durften es selbst bepflanzen. Es wurden Petersilie, Kohlrabis, Möhren, Radieschen und Tomaten angepflanzt.
In der Frühstückspause holten wir uns dann Köstlichkeiten aus dem Garten zu unserem Brot – sehr gesund-.
Zum Heizen in unserer Schule hatten wir keine Kohlen, also mussten wir Kinder jeden Morgen Holz von zu Hause mitbringen. Die erste Stunde hatten wir mehr Qualm als Wärme im Klassenzimmer.
Wir hatten nur eine Klasse, in der wir vom 1. Bis 8. Schuljahr unterrichtet wurden. Unsere Lehrerinnen und Lehrer haben oft gewechselt oder gefehlt, der Krieg hatte ja Vorrang. Für uns Kinder war das gar nicht schön. Trotzdem ist aus unserer Klasse ein Professor hervor gegangen.

Statt eines Morgengebetes mussten wir Nazi-Lieder singen, an ein Lied kann ich mich erinnern:
V1: „War einst ein junger Sturmsoldat, der war dazu bestimmt, das er Frau und Kind verlassen musst, verlassen musst geschwind.“
V2: 110 „Patronen in der Tasch, an der Seite ein Gewehr und die Handgranate in der Hand. Bolschewiki komm mal her.“

So wurde uns der Hass gegen andere Nationen schon in die Wiege gelegt.
Gott sei Dank hatten wir Eltern, die uns eines besseren belehrten.

Unvergessen und prägend bis heute war, die Nachricht vom Tod des Vaters einer unserer Schulkameraden kam. Heute unvorstellbar.
Als ich 11 Jahre alt war, ging der Krieg zu Ende.
Da wir in der französischen Besatzungszone wohnten, mussten wir Französisch lernen, wofür ich heute noch dankbar bin.
Auch Religion und Geschichte wurden wir gelehrt.Und trotz allem war meine Schulzeit – im Nachhinein – eine schöne, unvergessene Zeit.

Es ist mein Wunsch und Gebet, dass unsere Kinder, Enkel und Urenkel diese Zeit nicht zu erleben brauchen.

Gott schütze sie!!!
(Erinnerungen von Irene Gärtner)

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Volkstrauertag