Nachlese zum Volkstrauertag 2016

Rüscheid, den 28.11.2016

Ansprache zum Volkstrauertag 2016

 „55 Millionen“  - Liebe Rüscheiderinnen und Rüscheider!
Eine unvorstellbar große Zahl.

Man kann es sich so vorstellen: Jeweils 50 Menschen stehen nebeneinander in einer Reihe. Hinter ihnen stehen eng gedrängt wieder 50 Menschen. Und das setzt sich fort, über 1 Million Mal und ergibt eine Strecke von über 1000 km, die von den Alpen bis zur Nordsee reicht.“

Über 70 Jahre ist es nun her. Wir sind in einem europäischen Gedenken, nicht nur der Soldaten, sondern auch all der Vertriebenen und Geflohenen, die ein Krieg fordert.

Die Vereinten Nationen schätzen, das zur Zeit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung sind.  Sie suchen Schutz und menschenwürdige Lebensperspektiven.
Wir sehen in den Medien jeden Tag Flüchtlingsbilder.
Menschen, die durch Angst getrieben, ihre Heimat verlassen. Sie besitzen nichts mehr.

Sie haben nur den Wunsch, wie wir, in Freiheit und Sicherheit zu leben.
Diesen Wunsch bezahlen viele Menschen mit dem Tod.

Sie machen durch, was unsere Eltern und Großeltern in zwei Weltkriegen erlebt haben.

Ein Drama aus der Zeit überliefert die Dorfchronik.
„Ein schreckliches  Ereignis hatte sich am 25.März 1945 morgens um 2 Uhr im Dorf zugetragen: Eine Granate mit Zeitzünder war durch die Scheune in den Keller des Wohngebäudes der Familie Frieda Franz (Veldes) eingeschlagen und tötete ihre beiden Töchter Olga und Martha sowie den 4jährigen Gerd Biehl aus Wollendorf, der nach Rüscheid evakuiert worden war. Martha Franz war 27, Olga Jörend, geb. Franz, 24 Jahre; sie war im siebten Monat schwanger. Ferner kamen noch zwei Soldaten ums Leben, die ebenfalls hier Schutz gesucht hatten.“

Dieses Ereignis gehört zu den traurigsten in Rüscheids Geschichte.

Heute schauen wir mit traurigem und nachdenklichem  Blick über die Grenzen.
In Amerika wurde gerade ein Mann zum Präsidenten gewählt, weil die Menschen einen anderen Weg der Politik hoffen.

Sein großes Wahlversprechen ist: NEUE Mauern zu bauen.
Seit seiner Wahl, demonstrieren enttäuschte Wähler.
In vielen amerikanischen Großstädten machen die Menschen ihrem Ärger Luft. Seine sexistischen, Frauen- und Menschenfeindlichen Äußerungen sind noch allen im Ohr.


Präsident Erdogan hat gerade die Grenzen der heutigen Türkei infrage gestellt. Am Todestag des Staatsgründers  Atatürk deutete er seinen Wunsch nach räumlicher Ausdehnung an.

Diese Entwicklungen rufen Besorgnis hervor. Wir sehen täglich Bilder des Krieges, des unsinnigen Todes vieler Menschen, Frauen, Kinder und Männer.

An diesem Novembertag versammeln sich nahezu in jeder Gemeinde Menschen, die der Kriegsopfer gedenken.
Was ist wichtig?
Hat der Mensch aus der Geschichte gelernt?

„Wichtig ist – mehr denn je, gemeinsam an das Unrecht der Willkürherrschaft und an die Schrecken des Krieges, an das unsägliche Leiden der Menschen, die verfolgt, verschleppt, vertrieben, gedemütigt, verwundet oder getötet wurden, zu erinnern.“

So stehen wir heute vor diesem Gedenkstein, all den Gräbern, die Kriege und Gewaltherrschaft in unserem Land und in Europa hinterlassen haben. Wir kennen die historischen Hintergründe, die politischen Ursachen, die Schuld der Täter, all die Aufzeichnungen und gut dokumentierten Fakten. Und wir bleiben am Ende doch stumm vor den unfassbaren Dimensionen des Leidens. Wie gut ist es da, dass wir Heilung und Versöhnung erlebt haben.

Wir stehen im Gedenken all dieser Menschen, ihrer Schicksale und derer der Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen und wollen ihrer heute gedenken.

 

Stefan Hoffmann-Döring hat die Namen der gefallenen Männer, Brüder, Söhne und Väter vorgelesen.
Wir haben ihre Namen gehört.
Wir erinnern uns ihrer.

 

Liebe Rüscheiderinnen und Rüscheider, ich danke Euch für die Aufmerksamkeit und Euer Kommen.
Ein Zeichen für Erinnerung, Versöhnung und Aufbruch ins verantwortungsvolle Morgen.

Verzweifelt nicht an dem, was in der Welt geschieht. Nehmt es als Grund, es anders und hoffentlich besser zu machen.

Es ist nicht selbstverständlich, am richtigen Ort, mit der richtigen Hautfarbe und mit dem richtigen Geschlecht geboren worden zu sein.
Dies ist alles kein eigener Verdienst, sondern ein Geschenk.

Verantwortungsvolles Denken und Handeln fängt im Heute an.

Als Symbol dieses Gedenkens möchten wir einen Kranz der Ortsgemeinde Rüscheid und der Ortsvereine Rüscheid niederlegen.

 

Hartmut Döring
Ortsbürgermeister

 

 

 

Bild zur Meldung: Foto: Arno Schmidt

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Volkstrauertag 2016 (28.11.2016)